Würdevoller Untergang

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Mit der neuen Regierung und neuen Hoffnungen für Japans Zukunft, diskutieren wir hier privat und im Büro immer wieder die Zukunft Japans. Dabei gibt es zwei Perspektiven der Beobachtung.

Die eine ist die Perspektive der Experten. Folgt man dieser Perspektive wird klar, dass sich Japan im Abwärtstrend befindet. Die Faktoren sind bekannt und viel genannt: rapide Überalterung der Gesellschaft, seit Jahren stagnierende Wirtschaft, fehlende Zuwanderung, etc.. Um die öffentlichen Finanzen steht es auch nicht gerade gut. Das muss man sich auf der Zunge vergehen lassen: Die Schulden des japanischen Staates sind so gross wie die Bruttosozialprodukte von Grossbritanien, Frankreich und Deutschland zusammen! Unglaublich oder? Japan zahlt jedes Jahr Zinsen in der Höhe des Bruttosozialproduktes von Malaysia. Ich bin kein Experte, aber das hört sich doch relativ extrem an.

Die zweite Perspektive ist die des normalen alltäglichen Beobachters. Viele Themen konnte man bereits auf unserem Blog nachlesen. Hier noch mal einige Beispiele:

Kleine Hunde: Die kleinen Hunde verkörpern für mich das Problem der Überalterung und des fehlenden Nachwuchs. Viele junge Frauen finden nicht den Mann den sie suchen und verdienen. Viele bleiben kinderlos. Viele kaufen sich ein kleines Hündchen als Substitut. Kleine Hunde sind den Babies ganz ähnlich: man kann sie süss anziehen, man kann sie baden, man kann sie in der Nachbarschaft zeigen etc.. Mit meinen heiratswilligen Arbeitskolleginnen habe ich oft Gespräche zum Thema Hunde. Ich rate immer dringend vom Hundekauf ab.

Ausländermangel: Gerade kürzlich sass ich wieder in der vollen Yamanote Line und der Sitz neben mir blieb leer. Die subtile Ausländerphobie ist sicher nicht absichtlich oder böse gemeint. Aber sie sitzt tief, sehr tief. Ich rate meinen englischsprechenden Kollegen immer, ins Ausland zu gehen um Japan in die weite Welt zu tragen und es bei einer Rückkehr entsprechend zu bereichern. Milde ausgedrückt ist das Interesse nicht sehr gross. Ich bekomme Antworten wie „I don’t like the food. They don’t have good Japanese food abroad“ „It is so loud“ oder „I don’t speak the language well enough“.

Uninteressierte Jugend: Bei den Erwachsenen gibt es also definitiv ein fehlendes Interesse nicht nur am Ausland, sondern wahrscheinlich auch an der generellen positiven Gestaltung der Zukunft Japans. Bei der Jugend ist es wahrscheinlich noch extremer. Junge Männer drohen vor der Spielkonsole zu verblöden und junge Frauen tun dasselbe in Louis Vuitton und Prada Flagship Stores.

Man kann sich über die Lage Japans aufregen und sagen „da muss doch was gemacht werden, das kann doch nicht so weitergehen, Japan ist viel zu wertvoll“. Als grosser Japanfan stimme ich natürlich zu. Aber vielleicht muss man seine Sichtweise ändern. In unserer westlichen Kultur sind wir ja fast schon zum Fortschritt verdammt. Wir fürchten nichts mehr als den Tod, die Armut, das Unglück. Wir streben das Paradies an, den Reichtum, die Anerkennung. Japan scheint da kulturell sehr anders zu sein. Vielleicht zählen hier Werte wie ein würdevolles Leben mehr. Auch der würdevolle Tod scheint ja hier zumindest historisch gesehen akzeptabel zu sein.

Es gibt also keinen Grund traurig zu sein. Japan befindet sich in einer Art würdevollem sehr langsamen Untergang.

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Strasse in Hiroo.

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